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Wie kann ich mir etwas Unbekanntes vorstellen, ohne Bekanntes zur Hilfe zu nehmen? Und das Bekannte, das, was man zu kennen glaubt: ist es nicht das am wenigstens Erkannte, das Unbekannteste?- Ich gebe der gestellten Frage eine Wunschform: Welche mir noch unbekannte Kunst wünschte ich mir angesichts der heutigen?
Alt ist mein Faible für eine reduzierte, minimale Kunst, eine Kunst an der Schwelle der Selbstverabschiedung. Heute herrscht eine andere Kunst vor. Aus den rätselhaften Hieroglyphen der Moderne hat sie ein allgemeinverständliches Alphabet gemacht. Daraus bildet sie Worte und Sätze. So kann sie viele Geschichten erzählen. Die setzt sie eindrucksvoll in Szene. Sie ahmt auch die Wissenschaften nach, stellt Untersuchungen an und inszeniert diese Versuchsanordnungen. Die Kunst macht Ausflüge da- und dorthin, ins Intim-Persönliche, in die klassische Bildung, ins Design, ins Angewandte und Lebenspraktische, in die Politik und die neuen Technologien. Die Beliebigkeit der Themen wird vom Pathos und belehrenden Unterton verdeckt. Die Geschichten sind Nacherzählungen mit Unterstreichnungen und Ausrufezeichen. Die Bilder drängen in den Raum und müssen bewegt sein, unterstützt von Tönen und Geräuschen. Die Kunst ist aufdringlich geworden. Doch mit den Geschichten hat die Kunst auch eine Emotionalität wiedergewonnen, die im Minimalismus verloren gegangen war.
Jetzt wünschte ich mir eine Kunst, die Sentiment und Lakonismus
miteinander verbindet, in der Anfang und Ende der Geschichten zusammenfallen,
weil die vielen Geschichten zwischen Anfang und Ende weggelassen werden
können, eine Kunst kurz und herzlich wie ein Gruß. In der
Begrüßung und im Abschied liegt schon alles Glück
und Unglück: Begegnung, Trennung, Ankommen und Verlassen. Der
eine geht. Der andere bleibt. Ein nächster kommt an. Wann geht
er wieder? Man hatte auf einen anderen gewartet. Und so weiter. Alle
Geschichten, tragische und komische, brauchen einen Anfang und ein
Ende, Willkommens- und Abschiedsgrüße. Die wichtigsten
Dinge, über die man sonst kaum noch zu sprechen vermag oder wagt,
werden als Kürzel in den Grußformeln bewahrt und weiterbenutzt.
Ein Lächeln huscht über das Gesicht, wenn man sich grüßt.
Ein kleiner Gruß reißt uns aus unseren Launen und richtet
uns auf. Ein Augenblick Freundlichkeit. Was kann man einander Besseres
wünschen als: Lebe wohl!
Nach diesem Vorbild wünschte ich mir eine Kunst. Wie könnte
sie aussehen?
Hannes Böhringer
Berlin |
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